Immer dann, wenn große Volumina unterschiedlichster Packstücke kontinuierlich transportiert und/oder sortiert werden sollen, spielen Stetigförderer ihre Stärken aus: standardisierte Ladungsträger, klar definierte Strecken, robuste Mechanik, kalkulierbare Betriebskosten. Die Bereitstellung tausender E-Commerce-Bestellungen für den Versand, eine Sortierung verschiedenartiger Paketsendungen aus Fernost oder ein hoch getakteter Wareneingang in der Industrie – just-in-sequence – würden ohne solche Systeme kaum funktionieren.
Wann klassische Fördersysteme an ihre Grenzen kommen
Gleichzeitig verändert sich das Spielfeld dynamisch. E-Commerce-Peaks zum Valentinstag, Ostern, Weihnachten, Black Friday, Cyber Monday, Singles‘ Day etc. pp., die immer kürzere Produktlebenszyklen (bspw.im Fast-Fashion Bereich) und der Same-Day-Versand setzen Materialflusssysteme ebenso unter Druck, wie zunehmend kürzere Vertragslaufzeiten bspw. von 3PL Anbietern. Fördertechnik-Layouts, die vor zehn Jahren auf maximale Stabilität ausgelegt wurden, müssen heute in kurzer Zeit an neue Prozesse angepasst werden. Kapazitäten sollen skaliert werden können, d.h. mitwachsen, ohne dass jedes Mal ein Großprojekt mit einer monatelangen Planungsphase entsteht. Und parallel wächst auch der Druck, Energie zu sparen, Wartungen zu vereinfachen, Förderanlagen nahtlos an MFR, WMS, ERP und andere Systeme anzubinden.
Vom starren Layout zum funktionalen Baukasten
Genau hier wird das Thema Modularisierung relevant. Statt verzweigte, starr geplante Layouts zu bauen, setzen Systemintegratoren zunehmend auf modulare Baukästen: standardisierte Module als Geraden, Kurven, Weichen, Heber, jeweils mit definiertem Funktionsumfang und klaren Schnittstellen. Auf dieser Basis lassen sich ganze Fördertechnik-Layouts wie mit Lego planen – von der einfachen U-Form bis zum komplexen Multi-Level-System. Für Betreiber bedeutet das: schnelle Montage und Inbetriebnahme vor Ort, einfache Erweiterungen und Umbauten, wenn sich Prozesse ändern oder neue Bereiche angebunden werden sollen. Zeit- und kostenmäßig nicht zu unterschätzen ist jedoch der Programmieraufwand für Speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) klassischer Fördertechniksysteme.
Smart Conveying: Intelligenz zieht in Fördertechnik-Module ein
Eine vielversprechende Lösung und damit der nächste Schritt ist, Intelligenz in jedes einzelne Modul zu bringen. Anstatt jeden einzelnen Antrieb aufwendig im Schaltschrank zu verdrahten und zu programmieren, wandert ein großer Teil der Intelligenz direkt in die Module. Antriebsrollen, Sensorik und dezentrale Steuerkarten bilden variable Förderstrecken, die sich per Software parametrieren lassen. Geschwindigkeit, Beschleunigung, Zonenlängen oder Prioritäten werden nicht mehr hart codiert, sondern konfiguriert. Das macht Fördersysteme nicht nur flexibler, sondern auch transparenter: Zustandsdaten, Fehlerbilder und Performancekennzahlen stehen zur Verfügung und können in Leitständen, Dashboards oder sogar mobilen Apps visualisiert werden.
Flexibel automatisieren, skalieren und integrieren
Ein Beispiel für diesen Ansatz ist die 2025 mit dem IFOY-Award prämierte Lösung MCP Play von Interroll. Statt die Mechanik jedes Mal neu zu erfinden, basiert das System auf einem Modularen Plattform-Konzept (Modular Conveyor Platform; kurz MCP): standardisierte Förder- und Ausschleusmodule, die sich zu unterschiedlichen, individuellen Layouts kombinieren lassen. Der Clou liegt in der Art, wie diese Module zum „Leben“ erweckt werden: Mit der autonomen Steuerungslösung MCP Play, das auf die bewährte Interroll MultiControl setzt, können Planer und Betreiber Layouts digital erstellen, flexible Zonenlogiken per Parametrierung festlegen und Varianten quasi „spielend“ durchprobieren, bevor die reale Anlage läuft. Änderungen im Betrieb – etwa zusätzliche Pufferstrecken, neue Abzweige für einen Retourenbereich oder geänderte Prioritäten im Versand – lassen sich so deutlich schneller umsetzen, als es mit klassischer SPS möglich wäre.
Datenintegration und Anpassungsfähigkeit
Die moderne Fördertechnik ist an die IT-Infrastruktur im Warehouse angebunden, liefert verschiedene Daten und Kennzahlen und erlaubt die einfache Optimierung von Geschwindigkeiten, Staulängen und Prioritäten. Dabei können alle Packstücke stets präzise auf der Förderstrecke lokalisiert werden. Dafür sorgen Sensorik, Tracking und die eingebetteten MultiControls auf Modul-Ebene.
Wie ein Smart Home System Daten zu Temperaturen, Verbräuchen und Zuständen sendet, liefern intelligente Conveying Systeme Daten zu Auslastung, Störungen, Energieverbrauch und Durchsatz. So wird aus der starren Anlage ein dynamisches, softwaredefiniertes System, das sich an neue „Lebenssituationen“ im Lager genauso flexibel anpasst wie ein Smart Home an den Alltag der Bewohner.
Vorteile für Systemintegratoren und Anwender
Für Betreiber eröffnet das mehrere Vorteile: Förderanlagen sind leichter anpassungsfähig, weil Layout und Funktion nicht mehr untrennbar miteinander verbunden sind. Ein Peak im Onlinegeschäft oder ein neuer Großkunde erfordert dann nicht zwingend einen kompletten Neubau. Vielmehr kann die Infrastruktur mit zusätzlichen Modulen und einigen Veränderungen in der Software angepasst und nach dem Plug & Play-Prinzip installiert werden. Gleichzeitig sinken Stillstandszeiten bei Umbauten und Serviceeinsätzen, weil Diagnosen, Fehleranalyse und das Parametertuning auf einfachste Weise erfolgen können.
Ein weiterer Vorteil: Die flexible Zonierung und die Zusammenführung mehrerer Förderlinien ohne Stopps und mit minimalen Abständen zwischen den Fördergütern ermöglichen nicht nur deutlich höhere Durchsatzraten und Pufferkapazitäten bei gleichbleibenden Systemkosten, sondern führen auch zu erheblichen Energieeinsparungen.
Darüber hinaus reduziert die dezentrale Steuerung den Datenaustausch innerhalb der Systemumgebung, was zu geringeren Latenzzeiten und verbesserter Überwachung, Reaktionsfähigkeit und Systemflexibilität führt.
Integrationsebene MQTT kompatibel mit VDA 5050
Mit der MQTT-Schnittstelle stellt Interroll Integratoren und Anwendern ein flexibles System zur Verfügung, welches über eine neuartige Integrationsebene auch zentral und direkt für alle Controller (vor-)konfiguriert werden kann. Gleichzeitig reduziert die dezentrale Materialflusssteuerung durch direkte Kommunikation zwischen den Controllern die Komplexität der IT-Strukturen. Es lassen sich Warenwege und -ziele bestimmen, ihre Position auf den Linien überwachen und ihr Fluss durch Prioritätszuweisungen dynamisch anpassen. Diese Tracking-Funktionen von MCP Play eröffnen neue Einsatzmöglichkeiten und ermöglichen eine umfassende Systemindividualisierung. Die Nutzung von MQTT als standardisiertes Übertragungsprotokoll – wie auch im VDA 5050 Standard definiert – ermöglicht die Integration und Kommunikation mit der kompletten Peripherie eines Fördersystems.
Arvato sieht hohen Nutzen für dynamische Anforderungen
Arvato, einer der führenden internationalen Logistik- und Supply-Chain-Dienstleister, verfolgt im Bereich Lagerlogistik eine konsequente und ganzheitliche Automatisierungsstrategie. Im Mittelpunkt stehen Effizienz, Flexibilität und Skalierbarkeit. Zentrale Bausteine sind moderne Robotik, Ware-zur-Person-Systeme und intelligente Softwarelösungen. Dabei setzt der Kontraktlogistiker gezielt auf Systeme wie AutoStore, Shuttle- und Rack-to-Person-Lösungen sowie Förder- und Sortertechnik und AMR, um Bestellprozesse zu beschleunigen und Materialflüsse effizienter zu gestalten.
Alle Automatisierungstechnologien sind modular aufgebaut und lassen sich flexibel an unterschiedliche Standorte und Kundenanforderungen anpassen. So können Erweiterungen bei steigendem Bedarf schnell umgesetzt werden – für verschiedenste Kunden und Sortimente. Noch einen Schritt weiter geht das Forschungsprojekt „Moonshot“. Gemeinsam mit Partnern arbeitet Arvato daran, durch generative künstliche Intelligenz (KI), Robotik und Cloud Computing selbstoptimierende Prozesse in der Lagerumgebung zu entwickeln.
Ganzheitliche Automatisierung im Fokus
Zu den Technologien, die Arvato weltweit bereits an verschiedenen Standorten einsetzt, gehört Interrolls bewährte Fördertechnik-Plattform MCP. Eine der beeindruckendsten Anlagen befindet sich im US-amerikanischen 3PL-Hub von Arvato in Shepherdsville, Kentucky. Die dortige Lösung umfasst rund 2,2 Kilometer Hochleistungs-Fördertechnik mit zwei Crossbelt Sortern und nahtlos integrierten Etikettierrobotern, die dezentral über MultiControls in einer Cloud-Lösung gesteuert werden.
In Deutschland hat Arvato kürzlich eine bestehende MCP-Anlage in Gütersloh für zwei E-Commerce-Kunden erweitert. Statt manueller Packplätze wurde die bestehende MCP-Fördertechnikanlage mit integrierter Sorterfunktion, um eine weitere Waage und automatischen Kartonverschließer mit Volumenreduktion sowie Etikettiermaschine und verschiedene Fördertechnikmodule und MultiControls ergänzt. Außerdem kam in Richtung Versand eine zweite Förderebene hinzu, um die Hauptstrecke zu entlasten und etwa 1.600 Packstücke pro Stunde an die Zielstellen zu transportieren. Es ist bereits die dritte Erweiterung der Anlage – und die zweite innerhalb eines Jahres. Durch die modulare Bauweise lassen sich neue Strecken und Umbauten selbst im laufenden Betrieb integrieren.
Betreiber setzt auf Skalierbarkeit und Nachhaltigkeit
„Wir wachsen mit unseren Kunden, und die Technik muss mitwachsen“, erklärt Robert Kästle, Senior Expert Engineering bei Arvato Logistics Engineering. „Deshalb setzen wir auf skalierbare Technologien wie die modulare MCP-Fördertechnik von Interroll. So konnten wir die Leistung auf engem Raum deutlich steigern. Mit weiteren Kunden oder Wachstumsschritten würden wir aber bald wieder an Grenzen stoßen. Mit MCP Play und Funktionen wie Adjust to Gap erwarten wir eine höhere Durchsatzleistung – ohne zusätzliche Hardware.“
Derzeit arbeitet die Anlage noch nach dem Stop-&-Go-Prinzip: Kartons halten an, bis die nächste Zone frei ist. Durch die Auflösung dieses Zonenprinzips und einen kontinuierlichen Materialfluss ließe sich mit MCP Play nicht nur die Leistung deutlich steigern, sondern auch Energie sparen – und das im gleichen Anlagenlayout. Da Arvato eigene Teams für Anlagenplanung, Programmierung und IT-Integration unterhält, würde das Unternehmen zusätzlich bei der Fehlerbearbeitung profitieren, da MultiControl-Einheiten nicht mehr einzeln vor Ort programmiert werden müssten.
Zudem bietet MCP Play mehr Flexibilität beim Betrieb, etwa durch den Wechsel zwischen verschiedenen Modi – wahlweise mit Fokus auf Energieeffizienz oder maximalen Durchsatz. Alle Betriebsdaten und Zustandsinformationen der Komponenten könnten gleichzeitig für Predictive Maintenance genutzt werden. Denn Nachhaltigkeit bedeutet für Arvato nicht nur Energie sparen: Entscheidend ist auch, Anlagen möglichst lange mit hoher Verfügbarkeit zu betreiben und so Lieferketten insgesamt nachhaltiger zu gestalten.
Neues Materialfluss-Ökosystem
Auf der LogiMAT 2026 präsentierte Interroll seine neue Chain-Belt-Sortierlösung, die nach der Übernahme von Sortteq im Herbst 2025 vollständig ins Portfolio integriert wurde. Gemeinsam bilden beide Systeme ein durchgängiges Materialfluss-Ökosystem, das Einzelstücktransporte und intelligente Sortierung verbindet. Mit der Chain-Belt-Sortierlösung schließt Interroll eine Durchsatzlücke im Portfolio zwischen 3.500 und 8.000 Artikeln pro Stunde und findet damit die perfekte Ergänzung zu MCP Play, einer modularen, global einsetzbaren Materialfluss-Plattform.
Durch die Kombination beider Technologien entsteht eine Systemlösung, die Hochdurchsatz-Einzelartikel-Transport und effiziente Sortierung verknüpft. Die ganzheitliche Lösung reduziert Schnittstellen, vereinfacht die Planung und senkt die Systemkomplexität – eine ideale Lösung für Verteilzentren, Paketzentren und E‑Commerce-Hubs.
Beide Systeme teilen dieselben Stärken: einfache Planung, kompakte Bauweise, intelligente Vernetzung und Erweiterbarkeit. So entsteht eine neue Generation von Förder- und Sortiertechnologien – vernetzt, skalierbar und zukunftssicher.
Smarte Materialflüsse als Erfolgsfaktor der Zukunft
Die Zukunft der Intralogistik gehört vernetzten, lernfähigen Systemen, die sich in Echtzeit an Bedingungen und Belastungen anpassen können. Smarte Materialflüsse werden dabei zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor – sie verbinden Menschen, Maschinen und Daten zu einer dynamischen Einheit. Unternehmen wie Arvato und Interroll zeigen, dass modulare, cloudbasierte und autonom arbeitende Systeme nicht nur Effizienz und Nachhaltigkeit steigern, sondern auch den Grundstein für eine neue Generation digital gesteuerter Logistiknetzwerke legen.
INTERROLL Holding GmbH
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